VIDEO! Big Wave Surfen mit Hund – heldenhaft oder verantwortungslos?

Ivan und Bono surfen eine Welle.

Das ist wahrscheinlich die höchste Welle, die je von einem Hund gesurft wurde. Der Hund ist Bono, vierfacher „Surfdog“ Weltmeister. Die Aktion hat nicht nur Bewunderung ausgelöst.

 

„BigWave Surfen mit Hund? Kein Problem für Bono „The Surfdog“.

So sollte die Überschrift zu diesem Blog Post ursprünglich heißen. Geleitet von meiner Leidenschaft für jegliche Form des Surfens war ich total begeistert, als ich zum ersten Mal das Video von Surfdog Bono und seinem Herrchen sah, wie sie gemeinsam einen satten Brecher auf einem SUP (Standup Paddle Board) abreiten. Immerhin geht es hier vermutlich um die höchste Welle, in der jemals ein Hund gesichtet wurde! Die Überschrift sollte meine Begeisterung für die Aktion und meine Bewunderung für den außergewöhnlichen Hund dokumentieren. Doch ich musste die Überschrift ändern und zu einer kritischen Frage werden lassen, weil sich meine spontane Begeisterung zunehmend mit Zweifeln an der Sinnhaftigkeit surfender Hunde vermischte.

Zwischen Nirwana und Zweifelhausen

Ich bin nicht nur leidenschaftlicher Surfer sondern auch Hundehalter. In meiner Brust schlagen also zwei Herzen. Als Surfer träume ich davon, mit meinem Hund, Nelson, eine satte Welle abzureiten und den berauschenden Endorphin-Kick des Surfer-Nirwanas mit ihm zu teilen. Als Hundehalter frage ich mich, ob Nelson daran den gleichen Spaß hätte wie ich und ob das Surfen mit Hund in Wellen dieser Größe überhaupt zu verantworten ist. Ein Waschgang in einem Brecher, wie er im Video zu sehen ist, kann fatal enden. Für den Hund! Also mache ich mich in diesem Artikel auf die Reise und werde zum Pendler zwischen Nirwana und Zweifelhausen. Surf is up. Let´s go!

Nirwana

Bono ist ein brauner Labrador Retriever. „Labis“ lieben das Wasser. Ihre Liebe für das feuchte Element ist ebenso ausgeprägt, wie ihr Hunger. Also quasi unstillbar. Das kann ich mit Sicherheit sagen, denn beides erlebe ich täglich selbst mit meinem Hund Nelson, ebenfalls ein brauner Labrador. Aber im Video geht es nicht um das freudige Plantschen in Fluß oder See. Nein, hier geht es um das Surfen einer Welle, die für 95% der selbsternannten „Robby Naish“ unter uns nicht zu meistern ist.

Der „Kelly Slater“ der Hunde
Was ist das eigentlich für ein Hund, der in haushohen Wellen unterwegs ist?
Bono und sein Herrchen, Ivan Moreira, leben in Brasilien. Kein Wunder, dass man dort dem Surfen verfällt. Ivan kam irgendwann auf die Idee, seine Liebe für den Sport mit seinem bestem Kumpel, Bono, zu teilen. Er nahm Bono auf seinem SUP-Board mit in die Welle und entdeckte schnell, dass Bono ein gewisses Talent und insbesondere großen Spaß am Wellenreiten hat. Fortan nutzen die Beiden jede Möglichkeit zum gemeinsamen Wellenreiten und perfektionierten ihr Können. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bono ist sozusagen der „Kelly Slater“ der Hunde. Er ist vierfacher Surfdog Weltmeister in der Kategorie SUP.

Der perfekt Wellenritt
So sieht ein eingespieltes Surf-Team aus.

 

Kein Hund surft höhere Wellen als ich! Oder?
Ich bin ein passabler Kite-, Wind-, Surfer und stehe seit über 40 Jahren auf irgendeinem Board, um mich von Wind oder Wellen über das Meer tragen zu lassen. Meine Surftrips habe ich bisher mit meinen Freunden und meinem Sohn geteilt. Wir haben amtliche Stürme erlebt und mächtige Wellen gesehen. Dass ein Hund jemals eine höhere Welle surft als ich, habe ich nicht für möglich gehalten. Bis ich das Video von Bono und seinem Herrchen auf dem SUP sah.

Bono The Surfdog in riesiger Welle.
Die höchste Welle, die je von einem Hund abgeritten wurde? Wahrscheinlich ja.

Im Surfen ist das Unmögliche möglich
Das Video wurde von Garret Mcnamara gefilmt. Auf einem Jetski konnte er Ivan und Bono während ihres Wellenritts begleiten.  Garret ist eine Legende im Bigwave Surfen. Er lebt im portugiesichen Fischerort Nazare, einem Ort an dem die höchsten Wellen der Welt brechen. Auf seinem Jetski befinden sich zwei Beifahrer. Von denen einer, im Video hinten auf dem Jetski, blind ist! Ein Blinder auf einem Jetski in Wellen, die die meisten von uns nicht mal im vollen Besitz ihrer Sehkraft meistern würden. Ist das nicht mindestens ebenso verantwortungslos, wie einen Hund dieser vermeintlichen Gefahr auszusetzen? Nein, ist es nicht! Bei dem blinden Beifahrer handelt es sich um Derek Rabelo, einem blinden Bigwave Surfer. Derek ist bekannt für seinen Mut, seine ausserordentliche Fähigkeit und seine positive Einstellung. „I´m always ready to see. God guides me“. Wer seine Lebensgeschichte und seine außergewöhnliche Fähigkeit auf Youtube ansieht, versteht dass Derek auch ein vielgefragter Motivator und Redner ist.

Derek Rabelo, der blinde Surfer.
Der blinde Surfprofi Derek Rabelo beim Takeoff in Pipeline! Eine der anspruchsvollsten Wellen der Welt.

Wer würde Derek sagen „Hey Derek, du bist blind. Du gehörst nicht auf´s Wasser. Viel zu gefährlich für dich und ausserdem hast du bestimmt Angst“? Allen Einwohnern von Zweifelhausen sei gesagt, dass Im Surfen das Unmögliche möglich ist. Warum also soll ein Hund, der im vollen Besitz seiner physischen Fähigkeiten ist, der darüber hinaus zu einer Rasse mit hervorragenden Schwimmfähigkeiten gehört und an das Surfen seit Jahren gewohnt ist, warum in aller Welt soll dieser Hund keinen Spaß daran haben?

Verantwortungslos?
Handelt Ivan Moreira nun verantwortungslos und egoistisch, wenn er Bono quasi als handlungsunfähigen Beifahrer in Wellen dieser Größe manövriert? Schauen wir uns die Situation noch einmal genauer an.  Der gefährliche Teil der Welle ist ihr brechender Teil. Dort befinden sich jedoch nicht Ivan und Bono, sondern Garret mit seinem Jetski, der von dort aus in voller Fahrt die Aktion filmt. Garret und seine Beifahrer sind damit viel näher am vermeintlich gefährlichen Teil der Welle als Ivan und Bono. Die Welle ist ein Left-Hander. D. h. aus Sicht der Surfer (Blick in Fahrtrichtung auf das Ufer gerichtet) bricht die Welle von rechts nach links. Die Protagonisten dieses Spektakels bewegen sich auf der Welle ebenfalls von rechts nach links. Also weg vom brechenden Teil. Ein Surfer, der die Welle ideal nutzen wollte, würde seine Fahrtrichtung ändern und nach rechts surfen, um den maximalen Schub nahe am „Curl“ der Welle zu genießen.

Wellenritt mit SUP und Hund
Ivan und Bono befinden sich während des gesamten Wellenritts auf der Schulter der Welle. In sicherer Entfernung von ihrem brechenden Teil.

Ein Surfer, der auf „Nummer Sicher“ geht, fährt, so wie im Video, nach links. Ivan und Bono befinden sich sogar soweit weg vom Curl, dass Ivan während der Fahrt ordentlich paddeln muss, damit die Welle nicht einfach unter ihnen durchläuft. Er positioniert das Board an der „Schulter“ dem flachen, kraftlosen Teil der Welle. Anders gesagt, was für den Laien wie eine selbstmörderische Aktion aussieht, ist für Garret, Ivan und Bono ein routinierter „Safety-Ride“. Sie haben sich so in der Welle positioniert, dass zu keiner Zeit ein erhöhtes Risiko besteht. Das spektakuläre Abschlussfoto entsteht erst durch einen kleinen Trick: Dem Wechsel der Perspektive. Die letzten Bilder stammen nicht mehr von Garret, sondern von einem zweiten Jetski, der sich gegenüber des Schauspiels befindet.  Die Fahrer dieses Gefährtes filmen das Ganze gegen die Fahrtrichtung der Surfer. So entsteht das Abschlussbild von Ivan und Bono vor der riesigen Schaumwalze, die beide zu überrollen droht. In Wahrheit befinden sich alle in sicherer Entfernung. Ivan Moreira ist ein erfahrener SUP-Surfer und Wellenreiter, der die Welle lesen kann und sehr genau weiß, was er da tut. Über Garret Mcnamara braucht man keine Worte mehr bezüglich seiner Kompetenz verlieren. Der Mann ist bereits zu Lebzeiten eine Legende. Alle beteiligten Akteure, inkl. Bono, sind Profis. Sie haben das Risiko auf ein Minimum reduziert. Bevor man also von unverständlicher Verantwortungslosigkeit spricht, sollte man sich den Wellenritt nochmal genau ansehen, um zu wissen worüber man hier redet.

 

Zweifelhausen

Die Aktion ist umstritten. Der Post des renommierten Surferportals, Magicseaweed, hat auf Facebook einen Shitstorm ausgelöst. Viele Follower haben den Halter als egomanen Idioten beschimpft, der das Leben seines Hundes auf´s Spiel setzt, für vermeintlich viral-verdächtige Fotos.

Selbstverliebte Spinner
Sind die Halter der Surf-Dogs verantwortungslose Egomanen, die ihre Hunde in dem irrsinnigen Glauben quälen, dass ihnen die gleiche Surfbegeisterung innewohnt, wie Frauchen/Herrchen?  Empfinden Hunde wirklich Spaß dabei auf einem wackligen und rutschigen Stück Plastik eine Welle zu surfen? Ich habe mich dieser Frage aus zwei verschiedenen Perspektiven genähert.

  1. Welchem Trieb folgt ein Hund, der surft?
    In der Hundeerziehung lernt man, dass das (gewünschte und ungewünschte) Verhalten eines Hundes letztendlich immer auf einen Trieb zurückzuführen ist. Mit Hilfe bestimmter Schlüsselreize kann man das Triebverhalten eines Hundes gezielt ansprechen und somit für seine Erziehung nutzen. Alle Trieben sind den beiden Grundtrieben zuzuordnen: Selbsterhaltung und Arterhaltung. Wenn ich mit Nelson beispielsweise das Aportieren übe, nutze ich seinen Spür-, Beute- und Bringtrieb. Die Triebe gehören zum Funktionskreis der Nahrungsaufnahme und sind bei einem Labrador besonders stark ausgeprägt. Deshalb werden die Hunde dieser Familie, wie Labradors, Golden, Flatcoated, etc., zu Recht „Retriever“ gennant. Der Trieb wurde durch jahrhundertelange Züchtung verstärkt und ist genetisch tief verankert. Sie sind damit prädestiniert, Beute jeglicher Art aufzustöbern. Von der abgeschossenen Wildente über das Päckchen Koks im Handgepäck bis hin zum Lawinenopfer. Aber welchem Trieb folgt ein Hund der surft? Hierzu gibt es keine Literatur und ich kann hier nur Vermutungen anstellen. Ein Hund, der im Meer tobt und freiwillig auf ein Surfbrett steigt, lebt sehr wahrscheinlich seinen Spieltrieb aus, der wiederum eng verknüpft mit dem Jagdtrieb ist. Es mag verrückt klingen, aber vermutlich befriedigt der surfende Hund weitestgehend seinen Selbsterhaltungstrieb.
  2. Eigene Erfahrungen
    Nelson stürzt sich gezielt in den Shorebreak und zwar mit Vorliebe an Tagen mit hohen Wellen. Er schwimmt ein paar Meter raus, lässt sich von der brechenden Welle an den Strand spülen, schüttelt sich und wiederholt das Spielchen von vorne. Gerne jagt er auch brechende Wellen am Strand. Das kann stundenlang so gehen und zwar ohne Motivation durch Stöckchen- oder Ballwerfen. Warum tut er das? Das ist pure Energieverschwendung und eine Beute in Form von Scholle, Kabeljau oder Krabbe bleibt meistens aus. Warum liebt Nelson das Toben in der Brandung? Weil er seinen Spieltrieb auslebt und es ihm offensichtlich großen Spaß macht!

Die Antwort auf meine o. g. Frage lautet für mich: Beides ist richtig! Den Hunden macht es Spaß und sie tuen es vermutlich freiwillig. Einige Halter sollten ihre narzisstischen Züge jedoch bremsen und ihren Hund mit Rettungsweste statt Wikingerhelm ausstatten.

Fazit – Nirwana oder Zweifelhausen?

Wer #bonothesurfdog auf Instagram folgt oder Bonosurfdog auf Facebook sucht wird sehen, dass der Hund ein durchaus „passables“ Leben führt. Nicht nur aus menschlicher Sicht. Klar, Bonos Halter inszeniert seinen Hund, und nicht zuletzt auch sich selbst, sehr mediengerecht. Über 54.000 Follower auf Instagram und mehr als 800 Fotos sprechen eine klare Sprache.

Bono soll Spaß haben.
„Go crazy Bono, you have no idea how happy i am when I see you like this“
Ivan und Bono am Strand.
Das sieht nach aufrichtiger Freundschaft und nicht nach Egoismus aus.
Bono hat Spaß im Wasser
Bono geht`s gut

 

 

 

 

 

 

 

Letztendlich erzählen die Bilder aber die Geschichte eines Hundes, dem viel Zeit gewidmet wird und der nicht zuletzt deshalb eine intensive Bindung zu seinem Herrchen hat. Der Hund ist glücklich. Und darauf kommt es an.

Ich glaube, dass sich die Frage nach dem Sinn surfender Hunde und danach, ob es sich dabei um artgerechte Beschäftigung oder verantwortungslose Selbstverwirklichung handelt, nicht final beantworten lässt. Fakt ist, dass man keinen Hund dazu zwingen kann. Ein Hund, der Angst vor dem Meer oder schlechte Erfahrungen auf dem Surfboard gemacht hat, wird sich vorerst nicht mehr die Pfoten nassmachen. Fakt ist auch, dass nicht wenige Hunde das Toben in der Brandung lieben. Mein Hund, Nelson, ist das beste Beispiel.

Was man seinem Hund zumuten kann, muss letztendlich jeder Hundehalter selbst entscheiden. Das Wichtigste ist, der Hund hat Spaß und macht freiwillig mit.
Bisher kenne ich keinen Bericht über einen ertrunkenen oder verletzten Surfdog. Die meisten (tödlichen) Unfälle mit Hund passieren immer noch im Straßenverkehr oder beim Hundesport.

Zum Schluss die Gretchenfrage
Vorausgesetzt ich hätte das gleiche professionelle Können wie Ivan Moreira, Nelson wäre ebenso an das Surfen gewöhnt wie Bono und ein legendärer Surfer sichert uns mit dem Jetski.  Könnte ich es verantworten mit Nelson diese Welle zu reiten? Ja.
Nirwana here we come!

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